Ñÿðæóê Ö³ìîõࢠ/ Ñåðãåé Òèìîõîâ / Siarhei Tsimokhau / 

 

Waljancina Tryhubowitsch – Siarzhuk Cimohau: „Gens – Heimat, Natur, Verwandschaft“

Unsere Gespräche beginnen bzw. enden in der letzten Zeit fast immer mit der Diskussion um ein und dasselbe Thema: Wechselbeziehungen zwischen Christentum und Heidentum. Und nicht gerade, dass wir danach streben, einander in dem „einzig richtigen“ eigenen Gedanken zu überzeugen. Das gegenseitige Interesse für das Gespräch liegt meiner Meinung nach darin, dass jeder den Standpunkt und die Meinung des Gesprächspartners tiefer verstehen möchte. Das Gespräch, dessen Fragmente der Aufmerksamkeit der Leser angeboten wird, hat im September bei der Personalausstellung von Siarzhuk Cimohau in Minsk in der Privatgalerie in der Surhanawa-Straße stattgefunden. Eine kleine helle Halle, sechzehn malerische Gemälde aus verschiedenen Jahren, bedächtige Besucher der Ausstellung – und ein Diktiergerät als Zeuge.

Waljancina Tryhubowitsch. Ich fühle mich zu meinem Erstaunen gemütlich neben Ihren Arbeiten, obwol ich nicht sicher bin, dass ich ganz die Ideen unterstütze, mit welchen sie ins Leben gerufen sind. Die Plastik der Werke fesselt, die Farbe bezaubert, man möchte Abbildungen lesen und enträtseln... Könnten Sie, Siarzhuk, erklären, wie das Heidentum zum bestimmenden Thema Ihres Schaffens wurde?

Siarzhuk Cimohau. Ich versuche, aber ich hole weit aus. Ich bin im Dorf Krotau im Gebiet Gomel geboren, das liegt nicht weit von Mozyr, obwohl das administrativ zum Kreis Kalinkawitschi gehört. Ich habe acht Klassen mit Auszeichnung beendet, was mir Vorteile beim Eintritt in Fach- oder Berufsschulen gab. Es gab keine Mittelschule in unserem Dorf. Ich fuhr nach Minsk, um dort weiter zu lernen. Ich kannte sogar den Sinn des Wortes „Komposition“ nicht, hatte in der Tat keine berufliche Ausbildung, habe die Aufnahmeprüfungen an der Kunstschule doch bestanden. Lehrer, Bücher, Arbeit... An der Theaterkunsthochschule lernte ich bei Hauryl Charytonawitsch Waschtschanka, sein Lehrstuhl für dekorativ-angewandte Kunst und Lehrstuhl für Graphik galten als angesehen. Die Exposition der Ausstellung, bei der wir uns unterhalten und die ich selbst gestalten konnte, nimmt Werke aus drei Perioden auf: a) das Studium am Institut, b) Ende der 80-er (das Thema der Rückkehr des Christentums in das gesellschaftliche Leben), c) ab Anfang der 90-er bis heute (Untersuchung des vorchristlichen geistigen Lebens unserer Ahnen).

Eigentlich wird die Zeit des Abschlusses des Studiums, das Nachdenken vor dem Beginn des selbständigen Lebens zur bestimmten Etappe für alle. Welche Vorhaben hast du als Künstler? Womit werden sich deine Werke von den anderen unterscheiden? Kennst du das, was du malen wirst? Es war für mich leichter, an die Wandmalerei, Glasmalerei zu gehen. (Damit beschäftigte ich mich sogar in der Armee, sofort nach dem Institut.) Dort gibt es einen genau bestimmten Rahmen – Auftraggeber, Interieur, Thema. Und ein Bild zu malen – das ist Reinheit des kreativen Prozesses selbst. Da begrenzt niemand den Autor, er kann frei den Inhalt (den Gedanken), die Technologie, die Parameter auswählen... Und zum wesentlichen Werk wurde für mich das Bild „Kreuz tragen“. Es kehrte gerade in das gesellschaftliche Bewußtsein massenhaft das Christentum zurück, es wurde offiziell erlaubt, aktuell, es hatte verschiedene Erscheinungsformen. Für mich ging jene Periode aus unbestimmten Gründen sehr schnell zu Ende, und es ging eben mit der Frage zu Ende: „Und was gab es auf unserer Erde bis zum Eintreffen des Christentums?“. Es erschien das Werk „Götze und Kreuz“. Und der Versuch, Glauben unserer Urahnen zu verstehen, zu spüren, zu äußern, ging in eine ernste Interessiertheit an dem belarussischen Heidentum über.

W.T. Soweit ich verstehe, wurden Sie nicht zum praktizierenden Gläubigen, das Heidentum wurde zum Thema, zum Objekt Ihrer schöpferischen Untersuchung...

S.C. Je tiefer man in die Arbeiten der Gelehrten hineinblickt und eigene Empfindungen und die Lebenserfahrung analysiert, desto mehr wird man dessen bewusst, welche riesige Schicht der hiesigen eigenartigen Kultur zur Grundlage der zugewanderten, christlichen Kultur wurde und ungerecht vergessen und manchmal gewaltsam vernichtet wurde. Inzwischen denken Sie nach: wenn man Ahorn an eine Linde gepfropft hatte und aus dem Pfropfen ein schöner Baum – ein Ahorn – ausgewachsen ist, so ist das gar kein Beweis für die Richtigkeit des Gemachten. Ohne Pfropfen konnte ein nicht weniger schöner Baum – eine Linde – auswachsen. Aber wir haben das, was wir haben. Im Massenbewußtsein bürgerte sich die Vorstellung vom Heidentum als vom Obskurantismus ein, dafür wird eindeutig ausgelegt: das Christentum bracte uns Schrifttum, Kultur, Architektur. Aber woher kam jene Architektur? Die Altgriechen bauten ihr Parphänon, entdeckten „den goldenen Schnitt“ lange vor Christianisierung der Welt. Und unser erstes baukünstlerisches Meisterwerk, der sich bis heute aufbewahrt hat, - Erlöser-Kirche in Polatsk, ist keine rein byzantische Wiederholung. Sie hat ihre Unterscheidungsmerkmale, das ist eine eigenarige Architektur, denn obwohl sie nach byzantischen Mustern gebaut wurde, verliehen die hiesigen Menschen ihre Harmonie- und Schönheitsempfindung.

W.T. Jedes Volk soll nicht selbständig das Rad erfinden. Der Zivilisationsprozess ist nicht eindeutig und oft dem menschlichen Willen nicht unterstellt. Es ist wichtig, das Entlehnte aufzunehmen und das Eigene zu entwickeln, damit man es benutzen, teilen, darauf stolz sein könnte...

S.C. Ich verstehe ja, dass es unmöglich ist, unter anderen Menschen, anderen Völkern zu leben und keinen Einfluss zu kennen. Aber ich akzeptiere einen solchen Standpunkt nicht: bis zum zehnten Jahrhundert war alles bei uns nicht so, wie es sein musste, und dann ging alles richtig... Es ist gerechter zu sagen, dass seit dieser Zeit einfach eine neue Windung in der Entwicklung der Gesellschaft und Kultur begann, die auf dem vorbereiteten Boden und nicht auf dem leeren Ort heranwuchs. Und die Kontinuität nicht bestreiten. Denn es gab hier sogar das eigene Schrifttum. Das sind nicht meine Phantasien. Ich führe Ihnen ein paar Zeilen aus dem Buch vom Akademiker Rybakou an, ich habe sie mal für mich ausgeschriben: „Das griechische Christentum traf in 980-er Jahren in Altrussland nicht einfach völlige Medizinalpfuscherei an, sondern eine wesentlich entwickelte heidnische Kultur mit ihrer Mythologie, dem Pantheon der Hauptgötter, Priestern, aller Wahrscheinlichkeit nach mit ihrer heidnischen Chronik“. Gewiss kann dieser Glaube in das moderne Leben in seiner damaligen Auslegung nicht zurückkehren. Es wäre eine unnatürliche Reanimation, von der man Vorteile nicht erwarten kann. Aber die Aufbewahrung und Offenbarung dieser Kulturschicht in der Wissenschaft, Literatur, Kunst kann Anregung zum Nachdenken für Menschen dieser Erde geben, die Entwicklung ihres schöpferischen Potentials fördern. Man sollte in all den Begriffen Ordnung machen: die wahre Geschichte erheben, die hier gebildete Philosophie aufdecken, sie zum Bewußtsein der Zeitgenossen bringen... Es muß zugegeben werden, dass das Christentum viele hiesige heidnische Bräuche und Glauben seinen Bedürfnissen angepasst hat. Und einige Priester geben das zu. So gibt es noch seit Heidentum eine Spaltung der Begriffe: Weissgott und Schwarzgott (Gott und Teufel), Opferung. Ich bemerke, dass sich alle Beschuldigungen des Obskurantismus an den Opferungen, an den damit verbundenen Ritualen festhalten. Aber unsere Ahnen brachten ihren Göttern das Ergebnis der eigenen Arbeit zum Opfer: Brot, Pflanzen, Tiere. Gerade das Christentum ging weiter, zum Opfer wurde Gottessohn, der – unschuldig – am Kreuz für Sünden aller Menschen litt. Und er wusste, dass er Opfer war...

W.T. Dadurch gab Christus den Menschen die Chance, ihr Leben zu verändern, nach dem ewigen Leben zu streben. Wenn man die moderne Terminologie benutzt, gab er die Wahlfreiheit. Und die Wahl zieht die Verantwortung nach sich. Inzwischen hält sich der Glaube an den Gefühlen, Emotionen fest, welcher Verehrungsobjekt es auch sein mag, er fordert keine logische Begründung jeder Bewegung der Seele.

S.C. Aufrichtigkeit des Glaubens mit allen ihren Vor- und Nachteilen existierte noch in Zeiten des Heidentums, sie wurde nirgendswoher gebracht. Das ist das Ergebnis des Evolutionsprozesses, als der Mensch die umgebende Welt erkannte und eine Art des Orientierungssystems für sich darin schuf, die Philosophie und die Normen des gesellschaftlichen Lebens ausarbeitete. Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das traditionelle belarussische Ornament, seine Symbolik. Es gibt ein Symbol des Wassers, der Sonne, der Erde... Das, was tagaus den Menschen begleitet und sein Schicksal beeinflusst. Der Aufbau des Weltalls erschien unseren Ahnen sehr ordentlich, senkrecht. Die Erde, das Wasser darauf, und höher – der Himmel, die Sonne. Und die Welt jenseits der Realität ist wie verkehrt, gespiegelt – nach unten von der Linie der Erde. In der konzentrierten Form kann man eine solche symbolische Abbildung auch heute sehen: Bemalung der Ostereier. Ich glaube, dass eine solche Auffassung der umgebenden Welt in uns auf der genetischen Ebene steckt. Deshalb wenn ich die Heilige Schrift lese, kann ich nicht verstehen, ich spüre einfach diese Texte nicht, wo Wanderungen in der Wüste beschrieben werden. Ich bin in Palessje ausgewachsen, in Umgebung von der Erde und dem Wasser (Sumpf). Deshalb ist mir das Verhalten des Urahns näher und verständlicher, der zum Fluss kam und dessen Schutzherrn um das Erlaubnis bat, den Durst zu löschen, oder den Waldgeist um Erlaubnis bat, irgendwelche Gabe, z.B. einen Baum, zu nehmen. Man spürt darin Achtung, Verehrung, Reinheit der Gedanken, Wahrnehmung der Welt als einer harmonischen Einheit. Postulate des Christentums kann ich nur mit dem Verstand wahrnehmen, und alle meine Gefühle, Emotionen sind dort, unter den Menschen, wo ich aufwuchs, die zusammen mit der Erde jährlich ihr Erwachen, Blühen, reiche Last der Ernte und allmähliches Ersterben bis zum neuen Frühling erleben... Das alles legt sich auf die heidnische Philosophie. Obwohl das Christentum einzelne ihre Elemente (oder Fragmente) benutzt. Sagen wir mal, Kupalle, Weihnachten...

W.T. Siarzhuk, wir sind mit Ihnen geboren, als das Religionsleben der Menschen völlig durch die sowjetische Macht vernichtet wurde: Gotteshäuser wurden zerstört oder geschlossen, Priester wurden ermordet oder in Gulags verbannt, Gläubige wurden eingeschüchtert. Und darin unterschied sich das Schicksal der Christen fast nicht vom Schicksal der Moslems, Juden. Die Traditionen wurden gewalttätig unterbrochen, und jene religiöse Freiheiten, die die Gesellschaft am Ende der 80-er in der Zeit der Umgestaltung von Gorbatschow bekommen hatte, wurden noch nicht von allen benutzt. Die Kirche steht wie aus Ruinen auf, das geistige Leben wird auf der Basis der sowjetischen Stereotypen gebaut. Die Transformation des Bewußtseins, auch wenn sie nach dem Willen des Menschen selbst stattfindet, ist ein langer und komplizierter Prozess. Aber die meisten Menschen wollen alles, sofort und ohne zuviel Mühe bekommen. Deshalb kann man in diesem Prozess der Herausbildung der Zivilgesellschaft Probleme und Kränkungen nicht vermeiden. Da soll jeder Mensch jeher in sich selbst auskennen, als er die anderen zu lehren beginnt. Aber was kann man machen... Wir alle sind Sünder, einschliesslich Priester. Und jeder geht zur Wahrheit, zu Gott seinen eigenen Weg... Das wichtigste ist zu gehen, zu glauben, danach zu streben, den Menschen das Gute zu tun. Und es ist für mich sehr interessant, Ihre Ausführungen zu hören, denn Elemente des Heidentums haben sich wirklich bis heute im Bewußtsein, in Lebensgewohnheiten von vielen Menschen aufbewahrt trotz des Jahrtausends des Christentums und der Jahrzehnte des kriegerischen sowjetischen Atheismus. Vielleicht liegen sie auf der genetischen Ebene, wie Sie es behaupten. In der sowjetischen Zeit schrieb man die Äußerungen des Heidentums auf Volksbräuche ab, deshalb wurden Rituale in der Laienkunst aufgeschrieben, untersucht, sogar wiederholt. Auf solche Weise blieb die Form und der Inhalt vereinfachte sich unauffällig. Das einfachste Beispiel ist das Ornament. Es wurde ausschließlich als dekoratives Element ohne Berücksichtigung der Semantik vervielfältigt, was ad absurdum führte. Es ist ja banal zu wiederholen, dass auf der jetzigen staatlichen Fahne das Ornament untergebracht ist, das von Beerdigungshemden kopiert ist. Und eine Sache ist Kupalle, das nach dem Drehbuch von Kulturaufklärungsarbeitern durchgeführt wird, und eine ganz andere ist eine Ritualtat, die von den Menschen organisiert wird, die an die magische Kraft ihrer Gesänge, des reinigenden Feuers und des Badens im Tau bei Tagesanbruch glauben. Die Menschen sollten allerdings in der mehrfarbigen Welt leben und sie verstehen.

S.C. Dafür muss man keine Feindseligkeit zu irgendetwas anderem – Unbekanntem, Unverständlichem verbreiten. Als ich in Polatsk arbeitete, bekam ich einen Auftrag: Malerei für einen Kindergarten. Sie existiert dort bis heute, in der großen Spielhalle. Ich malte einen Vogelkönig, einen Wassermann... Naturkräfte, sozusagen. Warum? Sie mussten für die Kinder als Anregung zum Erfassen der umgebenden Welt dienen. Der Vogelkönig ist der Beschützer, Verteidiger der Vögel, der Luft. Sie wissen doch, jeder heidnische Gott ist Beschützer. (Obwohl es auch dämonische Geschöpfe gibt.) Im Zentrum meiner Malerei war natürlich die Sonne. Ich bewegte durch Bitten Sokalau-Wojusch (der wohnte damals in Nawapolatsk) zum Gedichteschreiben zu diesen Abbildungen. Und ich ordnete den Text in die Bilder an. Jetzt finden bei dieser Malerei oft Seminare für Erzieher statt. Die Abbildung wird als Vorbild für die Einigung des Menschen mit der Natur, bildliches Erfassen der umgebenden Welt präsentiert. Noch mehr: die Kinder deuten sie in verschiedener Zeit auf verschiedene Weise, denn es gibt da für sie die Möglichkeit, ihre Phantasie zu äußern, es gibt keine Eindimensionalität, Eindeutigkeit. Ich bin überzeugt, dass ein Kunstwerk sein Ziel nicht erreicht, wenn es beim Betrachter nicht den Wunsch wachruft, gemeinsam zu schaffen. Und gerade das Heidentum gibt mir die größte Freiheit für die eigene Einbildung. Ich erfinde dafür Ästhetik, Präsentierungsform. Denn es gibt hier keine Kanons. Es gab sie wohl auch nicht. In alten Zeiten machten die Menschen Opferaltäre dort, wo sie intuitiv die Anwesenheit der geistigen Energie spürten. Sie legten da einen Stein (oder einige) bzw. zeichneten irgendwelchen Baum aus. Es gab kein Soll in der Gefühlsäußerung. Die Symbole-Bilder waren deutlich und lakonisch. Ein Rhombus war die Erde (das Feld), schraffierter bedeutete besäter Boden. Wie die Gelehrten verfolgt haben, hatte es nie auf dem Geschirr, wo man das Wasser bewahrte, Rhombus-Bilder gegeben. Nur Symbole-Beschützer des Wassers. Und als man mal Amphoren mit Symbolen des Bodens fand, stellte es sich heraus, dass man darin das Getreide aufbewahrte.

W.T. Ich glaube, dass unsere Urahnen sowohl von der Freiheit als auch der Reglementierung wussten. Das offenbarte sich in den Normen und Begriffen jener Zeit. Heute leben wir unter anderen Bedingungen... Aber das Problem der Wahlfreiheit und der Verantwortung für die eigene Wahl existieren sogar für jene, die dessen nicht bewusst sind.

S.C. Klar, wenn ich dazu aufrufen würde, barfuß auf dem Asphalt zu gehen oder nur gestickte Hemde zu tragen, wäre das zum Lachen. Der Zivilisationsgang ist nicht zu stoppen. Man sollte in seiner Zeit leben, obwohl man viele „Errungenschaften“ nicht akzeptieren bzw. kritisch annehmen kann. Unbedingt maßhalten. Und hier gibt uns der Glaube der Ahnen einen Verhaltensvorbild. Wenn wir in der Harmonie mit der umgebenden Welt leben, bildlich gesagt, reife Äpfel vom Baum sammeln, dann haben wir eine Chance, sie auch im nächsten Jahr zu haben. Und wenn wir wie jetzt grüne Blätter vom Apfelbaum abrinden, dann bleibt die Frage wie ein Damoklesschwert über der Zukunft hängen... Ich kann apropos nicht verstehen, warum die Kirche die ganze Zeit lehrt, dass man arm sein muss. Oder liegt der Grund darin, dass der arme Mensch abhängiger und leichter zu unterwefen ist? Er ist einfach ein Sklave. Und der Mensch, der von der eigenen Arbeit Brot und Haus hat, ist in seinen Gedanken und Taten freier. Ich bin überzeugt, dass der Mensch mit vollen Kräften seiner Möglichkeiten arbeiten, Kinder erziehen, sich selbst und die umgebende Welt verstehen soll. Gott sei dank (diese Worte sind unveränderlich auf der Erde schon seit vielen Jahrtausenden) stört mich niemand, mich mit der kreativen Arbeit zu beschäftigen. Es gibt klar alltägliche Probleme, man soll an das tägliche Brot für sich und seine Familie denken. Aber das ist natürlich, das hat seine Werte und gibt Anregungen zur Arbeit. Und da sind die Varianten möglich: erstens, wenn man wegen des Verdienstes das malt, was dem Käufer gefällt, und ganz anderes, wenn man das tut, woran man selbst Interesse hat, und das vollendete Werk findet seinen dankbaren Herrn. Manchmal wundert das sogar, aber das freut immer. Ich beschäftige mich heute meist mit der Malerei und Graphik. Die Zeit reicht nicht aus. Ideen entstehen schneller als ich sie realisieren kann. Ich malte früher schneller, jetzt dehnt sich die Vorbereitungsperiode aus – Entwürfe, Nachdenken... Ich möchte, dass jede Arbeit am vollständigsten meine Emotionen, logische Beweise, Energie der Gefühle verkörpert.

W.T. Glauben Sie, dass während der Arbeit am Kunstgemälde ein Teil der Energie des Künstlers in das Werk übergeht?

S.C. Eindeutig! Sogar wenn ich mit zugebundenen Augen malen werde, wird die Energie ins Werk übergehen. Es scheint mir, das erleben alle Künstler, wenn sie aufrichtig, mit der Seele arbeiten. Deshalb sind Gemälde teuer. Man kann gewiss gedankenlos, nur dank der beruflichen Fertigkeit malen. Das Werk ist dann anziehend, aber leer, oberflächlich. Und ein aufmerksamer Betrachter geht vorbei. Als Energievermittler dient bei der Arbeit die Hand, gerade dadurch versetzt sich etwas aus meinem Unterbewußtsein, aus meiner inneren Energie auf die Leinwand, und um das Werk ensteht eine Aura – eine gute oder eine schlechte, je nachdem man sie wahrnimmt.

W.T. Die Wahrnehmung der Kunstwerke ist eine sehr individuelle Sache. Nicht jedes weltweit anerkannte Meisterwerk kann zum „Gesprächspartner“ werden, denn es ist auch eine Gegenbewegung der Seele des Betrachters nötig. Es passiert manchmal, dass man mit dem Verstand wahrnimmt, akzeptiert, gutheisst, und die Gefühle schweigen. Und ein anderes Werk bringt auf, ärgert, aber hält gefangen. Mir scheinen die Werke am meisten anziehend, wo sich persönliche Erlebnisse und geistige Suche des Autors verkörperten. Und vorgegebene, der „einzig richtigen“ Idee unterstellte Werke (ich erinnere nur an sozialistischen Realismus, obwohl er „Verbündete“ und Vorgänger hatte) verlieren in ihrer Einwirkung auf den Betrachter, denn die freiheitsliebende Seele des Künstlers, solange sie lebendig ist, sträubt sich gegen jede Unterdrückung und lässt keine Spuren auf dem Gemälde, die für sie unannehmbar sind.

S.C. Ich muss hinzufügen, dass diese innere Energie des Künstlers auch bei Vervielfältigung der Werke verlorengeht. Allerdings stört es die meisten Käufer nicht. Sie fordern einfach einen bestimmten Satz von Stereotypen, der nach ihrem Begriff das eine oder das andere Niveau des Komforts, den Anschluss zu etwas Bedeutsamerem, Höherem symbolisiert. Die Werke sind klar, zurückhaltend, werden ohne Klügelei aktiver und billiger verkauft. Und wenn der Künstler experimentiert, darüber nachdenkt, worüber er malt, auf solche Weise einen Teil seiner Selle ins Werk hineinlegt, nimmt dieses Werk eine geringere Zahl der Menschen wahr. Dafür kaufen sie zu einem höheren Preis. Eine Hierarchie der Werte existiert auf natürliche Weise. Und hier gibt es keine Rezepte. Warum wird ein Künstler berühmt und ein anderer arbeitet unermüdlich sein ganzes Leben lang – und kein Ergebnis? Das wichtigste ist meiner Meinung nach sein Leben zu leben. Es gibt kein größeres Unglück als wenn man auf einen fremden Weg kommt. Und was vom Schicksal gerade für dich bestimmt ist, musst du spüren, verstehen, dich damit abfinden... Was mich angeht, so kann ich mich als glücklich bezeichnen, denn ich mache das, was mir interessant ist. Ich will mich heute nicht mit Malereien, Interieurs, irgendwelchen anderen Aufträgen beschäftigen. Nur Tafelmalereien bringen mir Vergnügen.

W.T. Inwieweit beeinflußt das umgebende Leben Ihr Schaffen, Themen- und Motivauswahl – ich meine das heutige gesellschaftliche Leben. Oder sind das, was Sie auf die Leinwand übertragen, Spuren der ausschließlich virtuellen Realität, Ihrer Phantasien, Ihrer Auffassungen von dem vergangenen bzw. dem Leben unserer Ahnen, wie man es sich vorstellt?

S.C. Es beeinflusst ohne Zweifel, denn ich bin im alltäglichen Leben normal adaptiert. Ich sehe mir das belarussische Fernsehen an, höre moderne Musik. Manchmal versuche ich, wenn ein neuer Name auftaucht, nach den ersten Schritten des Künstlers, des Sängers, des Musikers vorherzusagen, ob etwas aus ihm herauswächst oder ob es eine Eintagsfliege ist. Als Semfira in der Sendung erschien (entschuldigen Sie mir mein unwillkürliches Wortspiel), lenkte ich meine Aufmerksamkeit sofort auf sie. Das ist eine originelle Persönlichkeit, und sie entwickelt sich interessant. Ich spiele gern mit dem Sohn Hleb. Er ist jetzt zweieinhalb Jahre alt (Tochter Volha ist schon Studentin). Ich entdecke mit dem Sohn die Welt wie aufs neue, ich sehe, wie der Mensch wächst, was ihn beunruhigt, freut, bekümmert. Das ist mir interessant. Ich kann am Marsch der Freiheit oder am Tscharnobyl-Weg teilnehmen, um meine gesellschaftliche Einstellung zu bezeugen, aber ich werde mich mit der Politik nicht beschäftigen, denn das ist meiner Meinung nach ein ganz anderer Bereich der beruflichen Tätigkeit, und darauf bin ich gar nicht vorbereitet. Und für jährliche Ausstellungen der Gemeinschaft „Pahonja“ (ich beteilige mich daran von Anfang an), muss man, wie ich denke, seine künstlerischen Errungenschaften und Experimente und nicht übliche Illustrationen zum einen oder zum anderen historischen Ereignis anbieten. Sozusagen das Ergebnis seiner Arbeit dem Jahrestag der Unabhängigkeit zu widmen. So wie ein Gelehrter sein Buch in höherer Mathematik der Mutter widmet, obwohl die Mutter von dieser Wissenschaft nichts verstehen kann.

W.T. Siarzhuk, und womit fängt für Sie das Werk an? Ihr eigenes oder Interpretation eines fremden?

S.C. Mit der ausdrucksvollen und überzeugenden Form. Das wichtigste sind für mich Farbe, Plastik, Proportionen. Gerade in die darstellende Form versetzt sich meine Energetik. Und wenn formelle Lösung mich nicht befriedigt, dann ist das Bild selbst auch nicht interessant. Dabei soll der Inhalt kontinuierlich mit der Form zusammenhängen. Es ist manchmal sehr kompliziert, Verkörperungsmittel zu suchen, wenn sich der Inhalt auf die Plastik nicht legt. Klar, die vollkommene Variante ist ihre harmonische Vereinigung. Dafür kämpft man mit sich selbst, das ist die Selbstkontrolle, Fähigkeit zur Opferung von Details wegen der Ganzheit des Vorhabens nötig. Die wichtigste Richtung ist die formelle plastische Verkörperung. Sagen wir mal, Ihr Vorhaben ist Naturkraft des Wassers. Man kann ins Gemälde auch ein bisschen Erde, Luftmotiv einführen. Aber damit sie der Hauptidee dienen und nicht einfach die Fähigkeit des Künstlers demonstrieren, das oder jenes zu malen. In der letzten Zeit zieht mich immer mehr solch eine Strömung wie Minimalismus an. Und ich beginne zu denken, dass ich meine Arbeiten überlaste. Ich strebe danach, dass mein Gemälde als ein harmonischer, ästhetischer Fleck, wenn auch mit Detaillierung der Abbildung wahrgenommen wird. Sagen wir mal, man bereitet eine Ausstellung vor, die der Schlacht bei Grünwald gewidmet sein wird. Dieses Ereignis aus unserer Geschichte ist mir sehr interessant, und ich denke viel darüber nach, wie ich meine Gedanken diesbezüglich auf der Leinwand verkörpern könnte. Es wäre interessant, etwas mit der Gesamtheit von historischen Merkmalen zu zeigen. Aber sie passen nicht zu meiner Plastik. Es ist eine Vereinigung der intuitiv-abstrakten und der realistisch-bedingten Malerei nötig. Ich will keinen Eklektizismus zulassen. Und wie sich diese Vereinigung auf natürliche Weise vereinbaren lässt, das weiss ich noch nicht. Mir gefällt überhaupt der Prozess der künstlerischen Arbeit selbst: die Farbe berühren, mit den Fingern spüren... Wenn es ein Computer gäbe, der meine Gedanken lesen und sie auf der Leinwand oder auf dem Blatt verkörpern könnte, wäre es für mich uninteressant. Denn gerade das Handschaffen bringt Arbeitsfreude.

W.T. Vielleicht kommt auf solche Weise Ihre Achtung zu Ahnen, Einheit der Weltwahrnehmung zum Ausdruck? Fahren Sie übrigens auch mal in Ihr Heimatdorf? Wie nehmen die Nächsten Ihr Schaffen auf?

S.C. Die ganze traditionell Dorfarbeit kenne ich: wenn ich die Eltern besuche, vermeide ich sie nicht. Meine Brüder und Schwestern (es gab fünf Kinder in der Familie) wohnen in Belarus. Und das alles ist für mich in das Gesamtbild des Lebens eingebunden. Das sind die Begriffe mit einem Wurzel: Verwandschaft, Heimat, Natur. Unsere Gens entstand auf dieser Erde, entwickelte sich unter Einfluss der Umwelt, hat ihre eigene Lebensphilosophie, ist dank ihrer Eigenart der Welt interessant. Es ist schwer für mich, meinen Nächsten aus dem Dorf das Wesen dessen zu erklären, womit ich mich beschäftige. Ihnen kann ich das viel leichter erklären. Aber sie stellen solche Fragen an mich nicht. Ihnen genügt es zu wissen, dass ich mit meiner Arbeit zufrieden bin, dass sie meine Familie ernährt, dass die Menschen mich verehren.

W.T. Ich wünsche Ihnen weitere schöpferische Leistungen. Und danke für das Gespräch.